Worte des Ersten Bürgermeisters Claus Bittenbrünn zum Volkstrauertag

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, 

am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen.

Der Volkstrauertag wurde auf Vorschlag des 1919 gegründeten Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges eingeführt. Dieser Tag sollte ein Zeichen der Solidarität derjenigen, die keinen Verlust zu beklagen hatten, mit den Hinterbliebenen der Gefallenen sein. 1922 fand die erste offizielle Feierstunde im Deutschen Reichstag in Berlin statt. Dabei rief Reichstagspräsident Paul Löbe eindringlich zur „Abkehr vom Hass“ auf und warb für Versöhnung und Verständigung.

Seit dem Zweiten Weltkrieg wird am Volkstrauertag auch der zivilen Opfer des Krieges gedacht. So treten neben die toten Soldaten auch Frauen, Kinder und Männer, die in den besetzten Ländern und in Deutschland zu Opfern von Krieg, Gewalt und NS-Verfolgung wurden. Der Volkstrauertag in Westdeutschland wurde auf Betreiben des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1952 wieder als Tag der „nationalen Trauer“ eingeführt, in deutlicher Abgrenzung zum nationalsozialistischen Heldengedenken. Er ist durch Landesgesetze geschützt und liegt auf dem Sonntag zwei Wochen vor dem ersten Advent. 

Von Anfang an riefen die Bundespräsidenten dazu auf, auch an die Opfer der Diktatur zu erinnern, an Menschen, die aus politischen, religiösen oder sogenannten rassistischen Gründen verfolgt worden waren.

Heute wird am Volkstrauertag an die Opfer von Krieg und Gewalt erinnert und gleichzeitig zu Versöhnung, Verständigung und Frieden gemahnt. 2018 stand das Gedenken an den Ausgang des Ersten Weltkriegs, 2019 an den Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen im Mittelpunkt. Der diesjährige Volkstrauertag steht im Zeichen des Kriegsendes vor 75 Jahren wie auch der darauffolgenden Wandlungsgeschichte vom Kalten Krieg und Eisernen Vorhang hin zu einem friedlichen und vereinten Europa – das zugleich vor neuen Herausforderungen steht.

Eine Frage, die sich am heutigen Volkstrauertag im Jahr dieser Covid-19-Pandemie stellt, lautet: Was können wir Menschen aus der Geschichte lernen? 

Auch an diesem Volkstrauertag, 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, gibt es viele Gründe zu danken, weil Menschen sich in diesen langen Jahren für den Frieden eingesetzt haben und einsetzen. 

Zuletzt haben dies viele Menschen in unserem Land und weltweit in der sogenannten Corona-Krise bewiesen. Wo es schwierig wird, Situationen zu durchschauen; wo wir Probleme sehen, ohne Lösungen zu haben; wo Fragen gestellt werden, auf die wir noch keine Antwort kennen; wo Menschen aus Angst und Sorge um ihre Angehörigen mit Worten und sogar handgreiflich um Nahrung und medizinische Versorgung kämpfen: Dort kommt es darauf an, dass Menschen nicht ihr Talent vergraben, um sich zu schonen und ihr Leben zu retten, sondern es riskieren und sich einsetzen. 

Unser Dank gilt allen, die in Krisen und Konflikten sowohl medizinisch, psychologisch, seelsorglich, ordnend und beratend ihren Dienst tun, als auch denen, die viele ehrenamtliche Dienste zum Wohl der Schwachen und Armen leisten. 

Wir brauchen auch in dieser Zeit diese Momente des Innehaltens und der Trauer, um die Erinnerung an Leid und Tod, die mit Krieg und Gewaltherrschaft über die Menschen gebracht wurden, wachzuhalten. 

Wir brauchen diese Mahnung auch, um nachzudenken und immer wieder neu zu suchen, was wir heute für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit aktiv tun können.
Eine wahrlich große Aufgabe in einer Gesellschaft, die den Krieg mehrheitlich nicht mehr als eigene Erfahrung einbringen kann.

Wir gedenken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft gekommen sind, oder als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde. Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute vor allem auch derer, die bei uns durch Hass, Gewalt und Terrorismus, wie aktuell zuletzt in Berlin, Brüssel, Paris oder Wien zum Opfer dieses Wahnsinns geworden sind. 

Die Stadt Königsberg verzichtet in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie auf die offiziellen Gedenkfeiern. Es werden selbstverständlich trotzdem Kränze zum Gedenken an allen Kriegerdenkmälern im Stadtgebiet niedergelegt. Am Kriegerdenkmal in Königsberg auch vom Kriegerverein Königsberg und vom VdK Königsberg.

Wenn auch Sie bei einem Spaziergang am Sonntag an einem der Gedenkorte vorbeikommen, beachten Sie bitte die geltenden Hygienevorschriften.

Ich wünsche Ihnen allen eine besinnliche Zeit, bleiben Sie gesund.

 

 

Herzlichst Ihr Claus Bittenbrünn

Erster Bürgermeister der Stadt Königsberg